Nach Bundestagsentscheidung: Was ändert sich bei der Organspende?

Nach Bundestagsentscheidung: Was ändert sich bei der Organspende?

Der Bundestag hat im Januar 2020 mehrheitlich gegen eine Widerspruchslösung und für eine gemäßigte Reform der Organspende entschieden. Während bei den knapp 10.000 Menschen, die aktuell auf ein Spenderorgan warten, Entsetzen herrscht, sehen sich Kritiker der Reform mit ihren Bedenken bestätigt. Das Votum wirft auch ein Schlaglicht auf die Frage, wie andere Länder beim Thema Organspende verfahren.

Wie umgehen mit dem Thema Organspende? Soll es künftig eine Widerspruchslösung geben – sollen also alle Bundesbürger automatisch zu potenziellen Organspendern werden, wenn sie sich nicht aktiv dagegen aussprechen? Oder soll es bei der bisherigen Regelung bleiben, wonach nur derjenige Bürger spendet, der dies zuvor ausdrücklich bejaht hat?

Der Bundestag stimmte Ende Januar 2020 dafür, dass es im Grundsatz bei der bisherigen Form bleibt. Damit ist die in 20 der 28 EU-Ländern praktizierte Widerspruchslösung erst einmal vom Tisch. Stattdessen stimmten in der Schlussabstimmung 432 der Abgeordneten für den Gesetzentwurf zu einer erweiterten Zustimmungsregelung. 200 Abgeordnete stimmten dagegen.

Die Entscheidung, sich als Spender bereitzuerklären, liegt also auch weiterhin bei jedem einzelnen. Ärzte und Ämter sollen lediglich regelmäßig darauf hinweisen, sich als Organspender registrieren lassen zu können – im Grunde so, wie es bisher die Krankenkassen taten.

So sehr die Entscheidung, die Deutschen spaltet, so einhellig sind sich die Experten darin, dass es mehr Transparenz und Aufklärung – zum Beispiel in den Medien – über die genauen Abläufe während einer Transplantation in Krankenhäusern und Notaufnahmen geben muss. Denn nur so kann Skeptikern und Unentschlossenen die Sorge vor der „Black Box“ Organspende genommen werden. Das gilt vor allem vor dem Hintergrund, dass diverse Skandale im Umgang mit gespendeten Organen, wie etwa in Göttingen, die 2011 ans Licht kamen, zu einem nachhaltigen Rückgang der Spendenbereitschaft in Deutschland führten.

Deutschland im EU-Vergleich abgeschlagen

Aktuell sind von einer Million Bundesbürgern weniger als zwölf Personen Organspenderinnen und Organspender. Im vergangenen Jahr lag die Zahl in Deutschland bei insgesamt 932 Spendern – ein Bruchteil im Vergleich zu Slowenien mit 18,9, Belgien 30,7 und Spanien mit über 45 Organspendern pro Million Einwohnern. Dort setzt man wie in insgesamt 20 aller EU-Staaten auf die Widerspruchsregelung. In Schweden, Norwegen, Estland, Finnland und Kroatien gilt die erweiterte Widerspruchslösung, bei der Angehörige im letzten Moment einer Organentnahme der verstorbenen Person widersprechen dürfen. In Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz müssen Spender sich aufgrund einer erweiterten Zustimmungslösung vor dem Tod für eine Organspende ausgesprochen haben. Dort wie hier dürften Organe und Gewebe nur dann transplantiert werden, wenn der Sterbende zu Lebzeiten ausdrücklich dafür gestimmt hat – etwa durch das Tragen eines Organspenderausweises. Liegt keine Aussage vor, müssen die Angehörigen nach der Diagnose Hirntod die schwierige Entscheidung für oder gegen eine Organentnahme treffen.

Für alle jene, die dringend auf ein Nierentransplantat, eine neue Lunge, eine Leber- oder eine Gewebetransplantation warten, ist der Beschluss der Abgeordneten wenig nachvollziehbar. Laut Techniker Krankenkasse (TK), erliegen jährlich rund 1.000 Deutsche, die sich auf der Warteliste für ein Spenderorgan befinden, einem Organversagen – ein Schicksal, das ihnen durch mehr zur Verfügung stehende Spenderorgane vielleicht erspart bliebe. Kritiker bemängeln indes die politische Fokussierung auf die Organempfänger. Denn auch die Organspender und ihre Angehörigen, zu denen im Fall einer Widerspruchsregelung erst einmal alle gezählt hätten, sind aus ihrer Sicht Betroffene.

Bereitschaft zur Organspende: Mehrheit der Deutschen würde ihre Niere spenden

Hoffnung macht, dass die Deutschen einer Organspende im Prinzip positiv gegenüberstehen. Laut BZgA-Repräsentativbefragung von 2018 bejahen 84 Prozent ihre Bereitschaft, etwa eine lebensrettende Niere, das Herz oder die Lunge zu spenden. Aber nur 36 Prozent der Deutschen besitzen tatsächlich einen Organspendeausweis. Kurz vor der Bundestagdebatte im Januar sprachen sich laut einer repräsentativen „Spiegel“-Umfrage allerdings 37 Prozent der Befragten gegen das Tragen eines Organspendeausweises aus. Dieser Diskrepanz sollte eine Widerspruchsregelung entgegenwirken.

Doch vielen erschien der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgeschlagene Gesetzesentwurf zu radikal – zu aufgezwungen. Während die Befürworter der Widerspruchsregelung das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die Freiwilligkeit der Spende unbenommen sehen – denn es der persönliche Widerspruch genüge ja – warnten kritische Stimmen vor der Aufgabe des Prinzips der Freiwilligkeit. Eine Organspende sei eine bewusste Entscheidung, argumentierte zum Beispiel Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Diese sei nicht mit der Brechstange zu erzwingen.

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